das Projekt Alphabetisierung und Grundbildung (AlBi) geht in seine Schlussphase
In Bad Kreuznach leben statistisch gesehen rund 4000 Erwachsene, die Probleme beim Lesen und Schreiben haben. Das ergibt sich aus einer Studie der Universität Hamburg, wonach 7,5 Millionen Deutsche mit diesem Manko leben. „Das sind fast doppelt so viele als bisher angenommen“, erklärt Susanne Syren.
Die Pädagogin arbeitet für die Evangelische Erwachsenenbildung im Projekt Alphabetisierung und Grundbildung (AlBi) des Bundesbildungsministeriums mit, an dem zwei Universitäten beteiligt sind. Es erforscht in Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland Methoden, die Betroffenen aufzuspüren und ihnen mit speziellen Angeboten zu helfen. Mit im Boot sind bei AlBi neben der evangelischen auch die katholische Erwachsenenbildung, die Volkshochschulen sowie weitere Bildungsträger. Seit kurzem vermittelt Susanne Syren auch ehrenamtlich Lehrende, die im Einzelunterricht den Betroffenen die Welt der Buchstaben und Zahlen wieder oder neu zu erschließen.
Eine dieser Lernbegleiterinnen ist Monika Clüsserath. Wenn sie sich zu einer Unterrichtsstunde mit Dana Netzwerk am Turm trifft, ist der Tisch bedeckt mit farbigen Glassteinchen. Monika Clüsserath zählt sie laut vor und bringt sie in eine geordnete Formation. Dana versucht, ihre Vorstellung von der Menge der Glassteine mit den abstrakten Zahlen auf einer Tafel in Einklang zu bringen. Dana ist 30 Jahre alt und kann nicht richtig schreiben, lesen und rechnen. Sehr gerne würde sie für ihren Freund einmal etwas Leckeres kochen, doch ein Rezept zu lesen und danach die korrekte Menge der Zutaten abzumessen, bedeutet für sie eine unüberwindliche Hürde.
Die junge Frau möchte ihren wirklichen Namen nicht nennen, denn sie scheut davor zurück, sich als Analphabetin zu outen. „Es ist schwer, diesen Personenkreis zur Teilnahme an einem Kurs zu bewegen“, erläutert Susanne Syren. „Sie haben Angst, ihre Defizite vor anderen Menschen einzugestehen.“ Daher ist für Dana der Einzelunterricht mit Monika Clüsserath und Carola Voigt, die ihr beim Lesen und Schreiben weiterhilft, eine ideale Lösung. Ihre beiden ehrenamtlichen Lehrerinnen sind angenehm überrascht von Danas Lerneifer. „Dana ist ein Glücksfall, weil sie motiviert ist und wirklich lernen will“, berichtet Carola Voigt.
Rund 20 Männer und Frauen ließen sich in Rheinland-Pfalz in einem viertägigen Einstiegskurs als Lehrende für das AlBi-Projekt qualifizieren, sieben davon arbeiten in Bad Kreuznach. Einige von ihnen unterrichten die Klienten im Netzwerk am Turm, manche haben auch andere Orte für die regelmäßigen Termine vereinbart, etwa das „Café Bunt“ oder die „Reling“, Tagesaufenthalte für wohnungslose Menschen. Sie zeigen ihnen, wie man mit Computer und Handy umgeht oder wie man einen Fahrkarten-Automaten bedient. „Wir versuchen, maßgeschneiderte Einstiegsangeboten möglich zu machen, um den Menschen den Weg in Kurse zu erleichtern“, erläutert Susanne Syren.
Das AlBi-Projekt läuft im August aus, aber Susanne Syren und ihre Mitstreiter suchen nach Wegen, die gewonnenen Erkenntnisse in konkrete Angebote münden zu lassen. Als die alarmierenden Ergebnisse der Studie aus Hamburg im März bekannt wurden, kündigte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) einen Grundbildungspakt von Bund und Ländern an. „Das Land Rheinland-Pfalz wird vielleicht seine Mittel für die Alphabetisierungsprogramme aufstocken“, hofft Susanne Syren. Text: Marion Unger
Info-Kasten:
Ein offener Lerntreff im Lernzentrum Bad Kreuznach, Wassersümpfchen 23, lädt zum Lesen und Schreiben mit und ohne Computer ein. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung nicht nötig. Öffnungszeiten: Samstag von 10 bis 12 Uhr. Auskunft erteilt auch ein Alpha-Telefon unter 0671-9200143. Informationen gibt außerdem Susanne Syren im AlBi-Projektbüro. Telefon: 0671-4837799.




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