Insolvenz bedeutet Lebenskrise
Verein „Auf>Richtung“ unterstützt Menschen nach dem Schock des Scheiterns
REGION RHEIN-NAHE-HUNSRÜCK. Die schmerzhafte Einsicht, dass eine Insolvenz unabwendbar ist, geht bei Unternehmern und Privatpersonen meist mit dem bedrückenden Gefühl einher, persönlich gescheitert zu sein. Was werden wohl die Leute denken? Wie soll ich’s nur den Kindern beibringen? Hat mein Leben angesichts der übermächtigen Altlasten überhaupt noch einen Sinn? Diese und andere Fragen gehen Menschen durch den Kopf, die vor einer Insolvenz stehen oder bereits den Schritt unternommen haben, die eigene Überschuldung oder die Zahlungsunfähigkeit ihres Unternehmens bei Gericht anzuzeigen. Oft stellen sich zudem noch gesundheitliche Probleme ein. Der Verein „Auf>Richtung“ , eine Initiative zur Insolvenz-Bewältigung, steht Betroffenen in einer solchen Lebenskrise hilfreich zur Seite.
Das vertrauensvolle Gespräch und der Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen und Experten verschiedener Fachgebiete tragen dazu bei, die Krisenzeit besser zu überstehen und neue Hoffnung zu schöpfen, die Zukunft anzugehen. Jeden ersten und dritten Mittwoch im Monat von 18 bis 19.30 Uhr trifft sich die Gesprächsgruppe von „Auf>Richtung“ im Café des evangelischen Gemeindehauses in Bad Kreuznach-Winzenheim.
„Inzwischen habe ich das extreme Tief überwunden und bin wieder etwas zuversichtlich. Ich kann mir heute kaum noch vorstellen, wie schlimm das für uns war“, erzählt die Bäckersfrau aus einer Stadt an der Nahe, deren 67-jähriger Mann 2010 die Insolvenz der Traditionsbäckerei nicht mehr verhindern konnte. Er hatte bereits zwei Schlaganfälle hinter sich und drohte zu erblinden, als eine monatelange Baustelle vor der Haustür die Laufkundschaft ausbleiben und den Umsatz seiner Bäckerei einbrechen ließ. „Wir haben gekämpft und uns abgestrampelt bis zum Geht-Nicht-Mehr – alles erfolgslos. Unsere Ersparnisse und sogar die Lebensversicherung hatten wir schon ins Geschäft gesteckt“, erinnert sich die 61-Jährige, die nach der Insolvenz sogar von Schuldgefühlen und Selbstmordgedanken geplagt wurde. Als die Raten fürs Haus nicht mehr bezahlt werden konnten, kündigte die Bank den Kredit. Dank Vermittlung von Insolvenzanwalt Dr. Wolfgang Maus dürfen die Eheleute wenigstens in ihrem Haus wohnen bleiben, bis sie eine passende Wohnung gefunden haben, für die ihr knappes Budget aus Grundsicherung und Hartz IV ausreicht. „Bis zur Einladung zu Auf>Richtung habe ich ganz schlimme Gedanken gehabt“, erinnert sich die patente Frau daran, damals in „einem tiefen Loch gehockt“ zu haben, aus dem sie mit Hilfe der Gruppe inzwischen wieder herausgekrochen sei. Die gemeinsamen Erfahrungen hätten ihr dabei sehr geholfen. Ihr Mann ist inzwischen erleichtert, nicht mehr Nacht für Nacht in der Backstube stehen zu müssen – auch im Hinblick auf seine angeschlagene Gesundheit. Heute empfinden es die Bäckersleute als sehr wohltuend, wenn sie in der Stadt von ehemaligen Kunden freundlich gegrüßt oder gar mitfühlend angesprochen werden.
„Wir haben den Schritt in die Insolvenz inzwischen gut verkraftet, weil wir uns hier schon frühzeitig darauf vorbereiten konnten“, berichtet eine Frau, die mit ihrem Mann bis 2009 ein Maschinenbauunternehmen geführt hat. Sie umschreibt die Situation mit einem Bild: „Wir kamen uns vor wie in einem Raum mit vielen Türen, hinter denen man nur Mist findet. Nur hinter der Tür mit der Aufschrift Insolvenz haben wir einen für uns gangbaren Weg gefunden. Immer noch besser, als weiter festzustecken“, beschreibt sie das Gefühl, dass sie und ihr Mann bei Anmeldung der unabwendbaren Insolvenz empfanden. „Es hat uns von Druck befreit, offen mit dem Thema umzugehen. Ohne Auf>Richtung hätten wir uns dabei viel schwerer getan“, bestätigt sie. Der Druck war zeitweise so schlimm, dass sie und ihr Mann mit Beißschienen im Mund zu Bett gingen, um dem Mahlen der Zähne vorzubeugen. Den astronomischen Bluthochdruck, der sich bei ihrem Mann zeitnah zur Insolvenz eingestellt hatte, habe der Hausarzt inzwischen im Griff.
Die Arbeit in der Gruppe hat den Eheleuten auch das Gefühl genommen, alles falsch gemacht zu haben. Sie lernten, das eigene Scheitern zu akzeptieren und ihre Kinder frühzeitig zu informieren, was eine Insolvenz bedeutet und wie das Umfeld eventuell darauf reagieren würde. Die private Insolvenz konnte nach dem Zusammenbruch des Unternehmens verhindert werden, und inzwischen geht es mit den Finanzen der Familie wieder aufwärts. Auf die Frage nach Unterstützung aus den Freundes- und Bekanntenkreis antwortet die Unternehmerfrau: „Natürlich gibt es auch Menschen, die sich in einer solchen Situation entfernen, aber die waren uns nie richtig nahe.“
Der Inhaber eines Unternehmens, das 2005 liquidiert werden musste, weil sich die Umsatzerwartungen nach einer Erweiterung nicht erfüllt hatten, legt Wert darauf, dass er seinen Lieferanten damals kein Geld schuldig geblieben ist. Lediglich die Schulden bei Vermieter und Hausbank konnte er am Ende nicht tilgen, was dann 2008 zur privaten Insolvenz führte, die den gescheiterten Geschäftsmann besonders belastet. Nur sein engster Freundeskreis wusste bislang davon: „Ich habe jetzt erstmals zwei Bekannten freiwillig davon erzählt“, berichtet er in der Runde und wird sofort für seinen Mut gelobt. Trotz guter Kontakte in seiner Branche fand der 56-Jährige bislang keinen Arbeitsplatz. Er hält sich mit einem 400-Euro-Job halbwegs über Wasser. Dankbar erinnert er sich an die Angebote von Freunden in der ersten Zeit, ihm vorübergehend unter die Arme zu greifen.
Diplom-Psychologe Eberhard Bohrisch berichtete von einem anderen Mitglied der Gruppe, das durch die Erfahrung der Insolvenz gelernt habe, sich Zeit zu gönnen und nicht immer nur den Kunden und Umsätzen hinterherzurennen.
„Wir bekommen hier sehr viel zurück von dem, was wir einbringen“, resümierte Insolvenzanwalt Dr. Maus. Zusammen mit weiteren ehrenamtlichen Helfern engagiert er sich im Verein „Auf>Richtung“, um Menschen bei der Bewältigung dieser Krise zu helfen. Denn die Situation einer Insolvenz lasse sich auf andere Lebenssituationen übertragen: „Unsere Runde steht deshalb jedem, der in ähnlicher Situation ist, offen.“ Die Gründung des Vereins als Selbsthilfegruppe war die Konsequenz aus jahrelanger Erfahrung in der Beratungspraxis. Ende 2008 fassten Bohrisch und Dr. Maus zusammen mit der Familientherapeutin Bärbel Rapp und Rechtsanwalt Johann Coenen den Beschluss, den Verein zu gründen.
„Scheitern ist eine Krisenzeit, und in Krisen kommt jeder mal rein“, merkte dazu Edeltrud H. Maus, die frühere Rektorin der Alfred-Delp-Schule, an, die ihr Wissen und ihre Lebenserfahrung ebenfalls bei Auf>Richtung einbringt.
Kontakt:
„Auf-Richtung“ e.V., Internet: www.auf-richtung.de, Telefon 0671/ 794960, E-Mail: info@auf-richtung.de
Fakten zu „Überschuldung und Gesundheit“
Bei einer 2008 vorgestellten Studie des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz wurden 666 Klienten von Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen zu ihrem Gesundheitszustand befragt: 84,7 Prozent klagten über Rückenschmerzen, 83,2 Prozent über Müdigkeit, 82 Prozent über Schlafstörungen und 53 Prozent über Benommenheitsgefühle. 40 Prozent gaben an, unter mindestens einer psychischen Erkrankung zu leiden, 38 Prozent litten an Gelenk- und Knochenerkrankungen. Fast drei Viertel der Befragten gehen davon aus, dass die Schulden sie krank gemacht haben. Rund 60 Prozent der Befragten konsultieren keinen Arzt wegen der Praxisgebühr, der Zuzahlungsbeträge und der Schulden, und 65 Prozent verzichten wegen der Rezeptgebühren auf den Kauf der verordneten Medikamente.
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